welovesnow

Es mangelt an Startplätzen, um im Schweizer Riesenslalom-Team alle zufrieden zu stellen

Geht es nach 10 Siegen in 10 Rennen noch besser?

Der Weltcupauftakt in Sölden rückt in grossen Schritten näher. Es ist daher an der Zeit, die Schweizer Teams genauer zu beleuchten. Aus Schweizer Sicht geht es im Riesenslalom bei den Männern eigentlich gar nicht mehr besser, es wartet aber ein Winter auf die Athleten, mit gewaltigem internen Konkurrenzkampf. 

Im letzten Winter stand in allen zehn Riesenslaloms am Ende ein Schweizer zuoberst auf dem Treppchen. Swiss-Ski durfte aufgrund von gleich drei Fixstartplätzen jeweils elf Athleten an den Start schicken. Die Schweizer Riesenslalom-Fraktion wird schon ab dem Saisonbeginn drastisch reduziert. 2024/25 stehen Swiss-Ski nur noch acht Startplätze zu, um diese wird selbst intern intensiv gekämpft werden. Wir schauen uns alle Kandidaten kurz einzel an. 

Marco Odermatt - 2023/24 beinahe perfekt

Es fehlte ein einziger von insgesamt 20 Läufen. Marco Odermatt ging am Weltcupfinale in Saalbach-Hinterglemm als Leader in den zweiten Lauf und schied prompt aus. So wurde die perfekte Riesenslalomsaison mit zehn Siegen in zehn Rennen nur hauchdünn verpasst. In seiner Paradedisziplin wird auch im neuen Winter der Sieg nur über Odermatt gehen. Nach drei kleinen Kristallkugeln strebt er das Quadruple an. Und mit Saalbach-Hinterglemm, im bevorstehenden Winter die WM-Strecke, hat er ebenfalls eine Rechnung offen. Es wäre vermessen, vor dem Winter erneut über die perfekte Saison zu sprechen. Mit einem weiteren Riesenslalomsieg im Weltcup, seinem 24., würde Odermatt zu Ted Ligety aufschliessen. Vor dem Nidwaldner liegen in puncto Riesenslalomsiege zudem noch Marcel Hirscher (31) und Ingemar Stenmark (46).

Loïc Meillard - der einzige andere Riesenslalomsieger

Im vergangenen Winter war Loïc Meillard sowohl im Gesamtweltcup als auch im Riesenslalom der zweitstärkste Fahrer. Es ist gut möglich, dass Odermatts grösster Konkurrent im neuen Winter aus dem eigenen Lager kommen wird. Auch Meillard gehört in drei Disziplinen zur Weltspitze, im Riesenslalom überzeugte er mit Konstanz. Acht Klassierungen fuhr er in den Top-Acht ein, richtig aufgetrumpft hat er gegen Saisonende. In Aspen stand Meillard als Zweiter gleich zweimal auf dem Treppchen, in Saalbach-Hinterglemm war er dann zur Stelle und perfektionierte die Schweizer Riesenslalomsaison. Auch er wird 2024/25 Grosses vorhaben. 

Thomas Tumler - im Spätherbst der Karriere in die Weltspitze

Mit 34 Jahren wird Thomas Tumler als Teil der Startgruppe eins den neuen Winter in Angriff nehmen. Der letzte Winter war für ihn nochmals ein emotionaler Aufstieg. In Palisades Tahoe und Aspen verpasste er das Podest jeweils als Vierter denkbar knapp, beim Weltcupfinale stand er dann als Dritter tatsächlich nochmals auf dem Podest. In Beaver Creek 2018 wurde Tumler erstmals Dritter im Weltcup, im Parallel-Riesenslalom von Chamonix im Februar 2020 klassierte er sich dann gar als Zweiter, im letzten Winter folgte dann sein dritter Streich. Erst zum dritten Mal könnte er sich im bevorstehenden Winter für eine Weltmeisterschaft qualifizieren, dafür muss er seine gute Startposition zum Saisonbeginn sogleich in Resultate ummünzen. 

Gino Caviezel - die grossen Exploits sind ausgeblieben

In Schladming fuhr Gino Caviezel im Januar 2023 zum zweiten Mal in seiner Weltcupkarriere aufs Podest. Diese Platzierung schraubte die Erwartungen an ihn weiter hoch. Im letzten Winter kam er aber nicht auf Touren, nur viermal klassierte er sich in den Top-Ten, zudem sorgten zwei Ausfälle für Nuller. Caviezel wird als 14. der Weltcupstartliste in den neuen Winter steigen. Zurück bei Atomic als Ausrüster soll es nochmals nach oben gehen, ein Materialwechsel bringt aber auch immer ein gewisses Risiko mit. Auf dem Papier müsste er klar zu den vier Schweizern gehören, die an der Ski-WM neben Titelverteidiger Marco Odermatt im Riesenslalom starten dürfen. Die Konkurrenz in seinem Rücken lauert, weiter zurückfallen sollte der 32-jährige Bündner nicht mehr. 

Justin Murisier - der Fokus hat sich verlagert

Der Riesenslalom hat nicht mehr die höchste Priorität bei Justin Murisier, der sich im Speedbereich immer näher an die Weltspitze herantastet. Solange er sich aber in den Top-30 halten kann, dürfte er diese Startmöglichkeiten in einer dritten Disziplin mitnehmen. Im letzten Winter war vor allem der Start in den Riesenslalomwinter hartzig, in den ersten fünf Rennen ging Murisier dreimal leer aus. Gleich schon der Saisonauftakt wird für den 32-Jährigen richtungsweisend, denn als 29. der Weltcupstartlistenwertung (WCSL) steht er doch auf der Kippe, um aus den Top-30 herauszufallen. Auf dem Rettenbachferner in Sölden ist Rang sieben aus dem Winter 2016/17 sein bestes Ergebnis. Ein solcher Exploit wäre diesen Winter gleichbedeutend mit der WM-Norm, wobei diese im Riesenslalom wohl zu viele Schweizer erfüllen werden. 

Fadri Janutin - die Konstanz gefunden

Mit Fadri Janutin nimmt ein sechster Schweizer den kommenden Riesenslalomwinter als Teil der Top-30 in Angriff. Der 24-jährige Athlet vom SC Obersaxen punktete im letzten Winter in sechs Rennen, damit hat Janutin zur angestrebten Konstanz gefunden. Als 14. Rang in Aspen fuhr er dabei das bislang beste Weltcupergebnis heraus. Der bevorstehende Winter könnte für ihn nun zu einem ganz grossen Highlight werden, die Ausgangslage, um sich einen der fünf WM-Startplätze zu sichern ist günstig. Aber auch für ihn wird bereits Sölden zu einem Schlüsselrennnen, um sich in den Top-30 zu halten. Als Rettungsschirm verfügt Janutin über gute FIS-Punkte und dürfte, anders als Murisier, ausserhalb der Top-30 nicht gleich durchgereicht werden. 

Livio Simonet - es fehlte erneut nur wenig

Als 35. schloss Livio Simonet den Winter 2022/23 ab, in der vergangenen Rennperiode war es dann der 34. Schlussrang. Es fehlt dem 26-Jährigen nur wenig zum Schritt in die Top-30. In Palisades Tahoe gelang ihm mit Rang 14 sein bisher bestes Ergebnis, danach folgten in Nordamerika aber zwei Nuller, weil er in Aspen zweimal im ersten Durchgang ausschied. Anders als im letzten Winter profitiert Simonet nicht mehr von einem Fixstartplatz, was den Druck auf ihn erhöht. Das Swiss-Ski-Kontingent beträgt nur noch zwei freie Plätze nach Abzug der sechs Athleten aus den Top-30. Vorerst dürfte Simonet einen Platz ziemlich auf sicher haben, der Schritt in die angestrebte Startplatzregion sollte aber erfolgen, denn dahinter scharren andere Athleten mit den Hufen. 

Sandro Zurbrügg - der, der aus dem Nichts kam

Zumindest als Aussenstehende hatte man Sandro Zurbrügg als 65. der Europacupwertung zu Beginn des letzten Winters noch nicht so auf der Rechnung. Die Trainer von Swiss-Ski aber offenbar schon. Bei seiner Weltcuppremiere in Val d'Isère fuhr er sogleich auf den 17. Schlussrang und damit erstmals in die Punkte. Nach zwei Nullern in den weiteren Weltcuprennen überzeugte er mit zwei Siegen im Nor-Am Cup in Burke Mountain. Pünktlich zum Heimrennen wurde er nach Adelboden geflogen, dort ging Zurbrügg zwar leer aus, dafür punktete er als 24. in Schladming erneut. Die gesammelte Erfahrung soll der 22-Jährige im kommenden Winter in zusätzliche Resultate ummünzen. Gleichzeitig wird für ihn der Europacup wichtig sein, um seine eigene Startnummer zu verbessern. 

Luca Aerni - ein lohnenswerter Start in Aspen

Luca Aerni nutzte die Gunst der Stunde, als in der zweiten Phase der Saison nicht das gesamte Riesenslalomteam die Reise nach Nordamerika mitgemacht hatte. In Aspen ging der Slalomspezialist zweimal im Riesenslalom an den Start und überraschte im ersten Rennen gleich mit Rang 24. Riesenslalompunkte gewann Aerni letztmals 2017/18. Ihn wird man wohl dennoch kaum regelmässig in der zweiten technischen Disziplin am Start sehen, gerade aufgrund der reduzierten Schweizer Startplatzmöglichkeiten. 

Marco Fischbacher - keine Punkte in der Premieresaison

Als Dritter der Europacupwertung konnte sich Marco Fischbacher das Startrecht für eine erste Saison im Weltcup erkämpfen. Auf höchster Stufe verlor der Toggenburger aber oft viel Zeit. Einen erneuten Fixstartplatz verpasste er als Siebter in der Disziplinenwertung um nur gerade 41 Zähler. Fischbacher muss sich mit Top-Ergebnissen auf tieferer Stufe für weitere Startmöglichkeiten im Weltcup aufdrängen. 

Lenz Hächler - ein Ausfall beim ersten Weltcupstart

Der amtierende Junioren-Weltmeister im Slalom debütierte im vergangenen Winter in Alta Badia im Weltcup. Im Riesenslalom in Italien schied er aber ebenso wie im Slalom am Weltcupfinale aus. Im Europacup fuhr er derweil im Riesenslalom im letzten Winter in Pass Thurn als Sechster und Fünfter seine ersten beiden Top-Ten-Ergebnisse heraus. Für den 21-Jährigen geht es darum, sich Schritt für Schritt an den Weltcup heranzuarbeiten. 

Semyel Bissig - keine Punkte und daher viele Fragezeichen

Im Winter 2020/21 klopfte Semyel Bissig an die Top-30 im Riesenslalomweltcup. Davon ist der 26-Jährige auch wegen verletzungsbedingten Rückschlägen weit entfernt. Im vergangenen Winter reichte es in fünf Rennen zu keinem Punkt, es breiteten sich gar Rücktrittsgerüchte aus. Bissig kämpft aber weiter, muss sich aber über den Europacup wieder für Starts auf höchster Stufe aufdrängen. 

Josua Mettler - der erfolglose Europacup-Disziplinensieger

Als Europacup-Gesamtsieger durfte Josua Mettler in der letzten Saison in allen Disziplinen einen Fixstartplatz beanspruchen. Obschon er im Europacup die Riesenslalomwertung für sich entscheiden konnte, blieb er auf höchster Stufe ohne Erfolg. Nach sechs Rennen und null Punkten im Riesentorlauf verzichtete Mettler auf die Starts in Nordamerika. Im kommenden Winter liegt der Fokus des Toggenburgers auf dem Speedbereich.

Daniele Sette - auf eigene Faust, nur mit einer Chance

Daniele Sette erhielt auch ohne Kaderstatus bei Swiss-Ski im vergangenen Winter die Möglichkeit in Palisades Tahoe an den Start zu gehen. Nach dem Verlust des Kaderplatzes und eines Risses der Achillessehne war der Start im Weltcup ein Lohn für seine Kämpferqualitäten. Sette möchte es aber auch noch mit 32 Jahren wissen. Als Teil des Global Racing Teams wird er sich irgendwie versuchen für Weltcupstarts aufzudrängen, die Chancen stehen aber denkbar schlecht. 

Weitere Punktefahrer aus dem Europacup

Auch im Europacup tummeln sich weitere potentielle Starter für den Weltcup. Vorerst dürfte es den folgenden Athleten aber nicht reichen, um sich an der breiten landesweiten Konkurrenz vorbeizuschieben. 

Die anderen bereits veröffentlichten Analysen des Schweizer Teams

Andri Moser Cédric Noger Daniele Sette Delio Kunz Dionys Kippel Dominic Ott Fadri Janutin Federico Toscano Gino Caviezel Josua Mettler Justin Murisier Lenz Hächler Livio Simonet Loïc Meillard Luca Aerni Marco Fischbacher Marco Odermatt Nick Spörri Raphael Dort Sandro Zurbrügg Semyel Bissig Ski Ski Alpin Swiss-Ski Thomas Tumler

2024-10-15 23:45:33