welovesnow

Pechvogel Ortlieb fühlt sich so bereit wie lange nicht mehr

Nach jahrelanger Leidenszeit

Nach zahlreichen Verletzungen konnte Nina Ortlieb erstmals seit Langem wieder einen Sommer ohne Reha absolvieren. Die Österreicherin blickt zufrieden auf die Vorbereitung zurück, trainiert wieder vermehrt Riesenslalom und hat bereits die Heim-WM in Crans-Montana im Visier.

Nina Ortlieb hat einen langen Weg hinter sich. Zahlreiche Verletzungen und Reha-Phasen prägten die vergangenen Jahre, doch nun konnte die Österreicherin erstmals wieder einen Sommer ohne Unterbruch durchziehen. Im Gespräch erzählt sie, wie gut ihr die komplette Vorbereitung getan hat, weshalb sie wieder mit dem Riesenslalom liebäugelt und warum sie mit Blick auf die Heim-WM in Crans-Montana auf einen emotionalen Kreis hofft.

Es war der erste Sommer seit Langem, in dem du nicht in Reha warst. Wie geht es dir?

Nina Ortlieb: Gut, danke. Ich bin wirklich zufrieden. Nach den letzten Jahren hatte ich körperlich endlich wieder einen guten und gesunden Aufbau. Das macht natürlich alles einfacher.

Du konntest erstmals wieder eine komplette Vorbereitung in Südamerika absolvieren. Wie hat sich das angefühlt?

Das war sehr wertvoll. Schon das Training im Frühjahr war wichtig. Nach der Rennsaison haben wir den ganzen April und Anfang Mai auf Schnee verbracht. Jetzt wieder in Südamerika dabei zu sein, hat mir viel bedeutet - vor allem, weil es mir Sicherheit über den Sommer gegeben hat.

Die Österreicherin kämpfte sich immer wieder zurück: (Bild: Imago)

Was war anders als in den vergangenen Jahren?

In den letzten Jahren stand immer der Reha-Aufbau im Vordergrund, verbunden mit dem grossen Fragezeichen, ob ich im Herbst überhaupt schmerzfrei Skifahren kann und ob alles funktioniert. Dass ich mir diese Fragen dieses Mal nicht stellen musste, hat mental sehr geholfen. Wir hatten auch Glück mit dem Wetter: Wir waren zwei Wochen in Ushuaia in Argentinien und sind danach nach La Parva in Chile gewechselt. In Chile lag heuer sehr viel Schnee. Wenn man nur zwei Wochen an einem Ort ist, benötigt man etwas Glück. Auch die Stimmung in der Gruppe war super. Am Wochenende starten wir mit dem Gletschertraining.

Habt ihr dafür in Österreich genügend Schnee?

Wir fangen im Pitztal an. Das ist in Österreich aktuell die einzige Möglichkeit. Wir brauchen allerdings noch etwas Schnee. Das Schnalstal oder das Stilfserjoch ginge wohl auch, aber wir bleiben in Österreich. Es ist aber momentan auf den Gletschern generell schwierig.

In der Schweiz ist es in Zermatt ähnlich.

Das kennt man so gar nicht. Ihr Schweizer seid da eigentlich noch verwöhnter als wir.

Hast du die Folgen des Klimawandels in diesem Sommer beim Training bemerkt?

Man muss vielleicht umdenken und das Frühjahr stärker nutzen. Das haben wir gut gemacht. Wir hatten nicht nur am Gletscher hervorragende Bedingungen, sondern auch in höher gelegenen Skigebieten wie Sölden und Hochgurgl. Im Hochsommer war ich auch in den letzten Jahren nie Skifahren. Aber wenn Zermatt den Gletscher schliessen muss, bekommt man das medial natürlich mit. Im Pitztal konnte dank eines extrem guten Schneedepots die ganze Piste geöffnet werden.

Ist das die Zukunft?

Man sieht, dass die Gletscher durch den Skitourismus und den Rennsport durch Massnahmen wie Snowfarming länger erhalten bleiben. Ohne das Engagement der Skigebiete könnten wir schon lange nicht mehr trainieren. Irgendwann wird es ein Ablaufdatum geben, aber vielleicht kommen auch wieder kältere und schneereichere Tage. Der Herbst war sehr trocken und sonnig. Wir brauchen einfach Niederschlag, damit mehr Gebiete öffnen können.

Könntest du dir vorstellen, den Start der Skisaison um zwei bis drei Wochen nach hinten zu verschieben?

Als Speed-Läuferin habe ich es leicht, wir starten erst am 11. Dezember. Ich persönlich würde mir sogar einen früheren Start wünschen. Ich trainiere derzeit mit der Riesenslalom-Gruppe und sehe, dass es bis zu deren Saisonstart nicht einmal mehr ein Monat ist. Wenn die Vorbereitung im September und Oktober auf den Gletschern immer schwieriger wird, ist das nicht einfach. Aber alle sitzen im selben Boot und stellen sich darauf ein.

Mit Corinne Suter und Sofia Goggia stand sie im Frühjahr nach drei Jahren wieder auf dem Podium.
(Bild: Mathias Mandl/GEPA/freshfocus)

Du hast die neue Trainingsgruppe erwähnt. Was hast du dir erhofft und was nimmst du aus dem Training mit?

Ich erhoffte mir, dass der Riesenslalom und die technischen Aspekte im Training wieder mehr Gewicht bekommen. Vor Jahren war ich schon einmal in dieser Gruppe mit Ricarda Haaser oder Stephanie Brunner. Ich bin ja ursprünglich über den Riesenslalom in den Weltcup gekommen.

Weshalb fährst du nur noch die Speeddisziplinen?

Damals haben wir entschieden, dass alle drei Disziplinen gleichzeitig nicht funktionieren und wir uns auf Speed konzentrieren. Letztes Jahr habe ich aber gemerkt, dass mir durch die vielen Abfahrtstage das Riesenslalomtraining gefehlt hat. Ich habe ein gutes Gefühl für flache Passagen und weite Kurven - wenn ich mich mehr auf die Technik konzentriere, kann ich mehr herausholen. Zudem fahren Ricarda Haaser, Julia Scheib und Stephanie Brunner auch Super-G beziehungsweise Riesenslalom, was eine gute Ergänzung ist. Mein Ziel ist es auch, meine Performance im Super-G über den Riesenslalom wieder zu verbessern.

Ende 2018 hast du deinen letzten Riesenslalom im Weltcup gefahren. Sehen wir dich dort bald wieder am Start?

Im Dezember 2022 bin ich noch ein FIS-Rennen gefahren. Der Gedanke lebt durchaus. Meine Kerndisziplin bleibt der Speedbereich, aber an manchen Orten - etwa beim Finale, wenn man die 500 Punkte hat und mit einer guten Startnummer fahren kann - würde ich das gerne mitnehmen. Der Riesenslalom ist auch für Speed-Fahrerinnen extrem wertvoll, um Fokus und Ernsthaftigkeit hochzuhalten.

Wie fühlst du dich nach dem Trainingscamp in Form?

In Argentinien haben wir nur Riesenslalom trainiert, was eine gute Basis geschaffen hat. In Chile folgte das Speed-Training. Ein internationaler Vergleich fehlt zwar noch, weil wir früher dran waren als andere, aber ich bin absolut zufrieden. Verglichen mit dem Vorjahr, als ich um diese Zeit das erste Mal wieder auf Schnee stand, bin ich körperlich und mental in einer ganz anderen Verfassung. Wenn es nach mir ginge, könnte es schon bald losgehen.

Du warst in den letzten Jahren oft verletzt. Wie viel Vertrauen hast du nach den vielen Verletzungen wieder in deinen Körper?

Gott sei Dank genug. Das Wichtigste ist, dass ich schmerzfrei bin. Wenn das gegeben ist, kann ich den Rest gut ausblenden. Letztes Jahr hatte ich auch Stürze - in Cortina, bei Olympia und in Soldeu. Dass ich dabei unverletzt geblieben bin, hat mir gezeigt, dass der Körper hält. Das Vertrauen ist auf jeden Fall da.

Woher nimmst du diese mentale Stärke, dich nach Rückschlägen immer wieder zurückzukämpfen?

Zum einen fahre ich extrem gerne Ski. Das muss die Basis sein: Man darf es nicht für andere tun. Zum anderen habe ich immer daran geglaubt, dass ich es wieder zurückschaffen kann, weil ich es schon oft bewiesen habe. Ich möchte in diesem Sport noch mehr erreichen, das ist mein grosser Motivator.

Gab es einen bestimmten Moment, in dem du wusstest: Dafür hat sich der ganze Schmerz gelohnt?

Nach der Reha im letzten Jahr war es direkt der erste schmerzfreie Skitag. Da habe ich zum Trainer gesagt: "Selbst dafür hat es sich rentiert." Und natürlich war das Podium in der letzten Saison extrem wichtig. Das hat mir gezeigt, dass ich nichts verlernt habe. Es war eine Bestätigung, dass der Kampf richtig war.

Nächstes Jahr findet die Weltmeisterschaft in Crans-Montana statt. Welche Erinnerungen verbindest du mit dieser Piste?

Ich habe eine gemischte Vergangenheit mit Crans-Montana. Lange Zeit war es meine absolute Lieblingsstrecke. Ich kenne sie schon seit dem Europacup und habe dort vor sechs Jahren mein erstes Weltcup-Podium geholt. Ein Jahr später ist mir im Training allerdings ein dummer Fahrfehler passiert, bei dem ich mir das Knie komplett zerstört habe. Das hat mich 22 Monate gekostet. Trotzdem liebe ich die Strecke. Sie ist wunderschön, sehr geländeabhängig und liegt oft in der Sonne.

In Crans Montana verletzte sich einst schwer.
(Bild: Pascal Muller/freshfocus)

Zeit für eine Versöhnung also.

Ich hoffe, dass sich für mich dort bei der WM ein emotionaler Kreis schliesst.

Die Heim-WM in Saalbach hast du 2025 verletzungsbedingt verpasst. Wie bitter war das?

Nach meinem ersten Unterschenkelbruch war die Vorbereitung sehr schmerzhaft. Die Heim-WM war mein grosser Antrieb. Der erneute Sturz in Garmisch kurz davor war im Nachhinein betrachtet vielleicht mein Glück im Unglück.

Weshalb?

Der erneute Beinbruch war medizinisch die einzige Chance, dass das Bein wieder komplett ausheilen konnte. Es war eine harte Zeit mit fünfeinhalb Wochen Krankenhaus und mehreren Operationen, aber heute geht es mir körperlich viel besser als davor. Deshalb kann ich ohne Groll darauf zurückblicken.

Gab es Ärzte, die dich angesichts deiner Krankenakte für verrückt erklärt haben, als du von einem Comeback gesprochen hast?

Viele schmunzeln natürlich. Ein Gutachter einer Versicherung hat einmal einen zweiten Arzt hinzugezogen, weil er nicht rechtfertigen konnte, wie man mit diesem Grad an Invalidität noch Profisport treiben kann. Ich habe einen hohen körperlichen Preis bezahlt, aber ich hatte auch das Glück, dass alles wieder belastbar ausgeheilt ist. Das Risiko gehe ich ein. Ohne den Sport und das damit verbundene intensive Training würde es meinem Körper heute wahrscheinlich schlechter gehen.

Dein Leben dreht sich nur um das Skifahren.

Ich bin in Lech am Arlberg aufgewachsen. Im Winter bewegen wir uns dort teils direkt mit den Skiern fort. Meine Familie betreibt ein Hotel, wir leben vom Skitourismus. Das Schöne am Skisport ist seine Vielfalt: Technik, Taktik, Material, Kondition. Selbst nach schweren Verletzungen kann man wieder an die Weltspitze zurückkehren. Das ist auch eine wichtige Botschaft für den Nachwuchs. Verletzungen gehören im Hochrisikosport dazu, aber mit Willen gibt es fast immer einen Weg zurück.

Die 30-Jährige wuchs beim Skigebiet auf. (Bild: Imago)

Würdest du dir wünschen, dass medial mehr über die Skifahrerin Nina Ortlieb und weniger über deine Verletzungen gesprochen wird?

Das liegt in meiner Hand. Wenn ich gesund bleibe und mit Ergebnissen überzeuge, wird das von allein kommen. Es ist menschlich, dass die Leute einen mit den prägenden Ereignissen verbinden. Aber ich bin stolz darauf, mich immer wieder zurückgekämpft zu haben.

Ich nehme an, ohne Reha konntest du den Sommer anders geniessen.

Der Sommer fühlte sich viel kürzer an - es waren nur drei Monate Pause statt neun oder zehn. Ich war viel im Trainingsrhythmus und öfter am Wochenende am Gardasee. Ich war einfach froh, gesund zu sein und trainieren zu können.

Am Gardasee warst du Wingfoilen. Was bedeutet dir dieses Hobby?

Ich mache das seit vier oder fünf Jahren. Es ist ein super Ausgleich, erfordert viel Koordination, Kraft und Konzentration. Während meiner Verletzungsphase war es ideal, weil Laufen oder Joggen nicht möglich waren. Neben dem Radfahren ist das ein perfekter Wassersport. Ich konnte heuer auch nach drei Jahren wieder erstmals Tennis spielen, was ein kleiner persönlicher Erfolg war.

Du bist nicht die einzige Skifahrerin, die auf dem Wasser ist.

Auch Laura Pirovano, Laura Gauché oder auch Tanguy Nef machen das intensiv.

Wird das etwa der neue Sommersport für Skifahrer?

Das Radfahren bleibt wohl die Nummer eins, aber das Foilen ist stark im Kommen.

EXKLUSIV Nina Ortlieb Ski Alpin Soraya Sägesser welovesnow.ch

2026-10-05 11:35:56